Könnten Sie einen Mord begehen?

on Dienstag, 18 September 2012. Posted in Blog



Ich war bei einem Mord dabei. Es geschah direkt vor meinen Augen. „Ach, so!“ werden Sie sagen. „Deshalb schreibt sie Krimis. Daher ihre Faszination von der dunklen Seite in uns allen.“ Aber ganz so einfach lässt sich mein Faible für Morbides nicht erklären. Ich schreibe nicht, um den Mord in meiner Fantasie immer wieder auferstehen zu lassen. Ich empfinde kein perverses Vergnügen, den Tod eines Menschen zu rekapitulieren.

Dieses Erlebnis hat mein Leben und meine Sicht auf verschiedene Dinge dennoch maßgeblich beeinflusst. Es hat mich zum Denken angeregt und mir eine unangenehme Wahrheit über mich selbst offenbart. Denn meine Reaktion auf die Beobachtung des Mordes hat mich – gelinde gesagt – überrascht.

Der Mord … Nein. Fangen wir von vorne an. Bei der Tatsache, dass ich an dem Tag vor nunmehr fast fünfzehn Jahren dem Tod so unmittelbar begegnet bin, handelte es sich eigentlich um einen Zufall. Ich war gerade an einem freien Tag in Wien unterwegs, um mich für meinen ersten Job mit weiterer Kleidung einzudecken. Dafür wartete ich in einer U-Bahn-Station, in der ich sonst um eine andere Uhrzeit stand, auf den nächsten Zug.

Und dann passierte es.

Eigentlich bemerkte ich das Geschehnis hauptsächlich aus den Augenwinkeln. Zuvor war alles wie immer. Nichts Auffälliges. Jede Menge Personen, die wie ich auf die Ankunft des Zuges warteten. Verschiedene Alters- und Gesellschaftsschichten. Als die ersten Geräusche das Einfahren der Waggons in die Station ankündigten, dachte ich, dass ein oder zwei Leute für mein Gefühl etwas zu nahe an der gelben Linie standen, die den Gefahrenbereich in der U-Bahn-Station markiert.

Dann eine verschwommene Bewegung an meiner rechten Seite. Ein junger Mann stürzt vor der einfahrenden U-Bahn auf die Gleise. Schreiende Menschen. Quietschende Bremsen. Plötzliche Stille.

Vorneweg: Der Mann sprang freiwillig. Es handelte sich nicht wirklich um Mord sondern um Selbstmord. Ich hatte Mitleid mit dem jungen Mann, der sich aus irgendeinem Grund dazu gezwungen sah, sein Leben zu beenden. Wenn es mir möglich gewesen wäre, hätte ich ihm geholfen. Und dennoch …

Ich hätte erwartet, anders auf dieses Erlebnis zu reagieren. Ich hätte erwartet, Schock und Entsetzen zu empfinden. Ich dachte an nervöses Zittern, panische Schnappatmung und hysterische Weinkrämpfe. Vielleicht auch an überfordertes Kichern.

Stattdessen war da … nichts. Keinerlei Emotion. Keinerlei Reaktion. Nur absolute Leere in mir.

Damals habe ich überlegt, ob mit mir alles in Ordnung ist, ob ich emotional unterentwickelt bin. Ich habe mich intensiv mit dem Mangel an Panik auseinandergesetzt und festgestellt, dass ich über brutale Morde lesen und schreiben konnte, ohne dass diese Tätigkeit Grauen in mir auslöste. Für eine Krimiautorin ein großer Vorteil. Aber was sagt es über mich als Mensch aus?

Manchmal höre ich noch heute ein Knacken, wenn ich an den Tag damals denke, obwohl ich nicht mit Sicherheit sagen kann, dass das Geräusch real ist. Dann beschließe ich das Leben zu feiern. Denn egal was passiert, es gibt immer etwas, wofür wir dankbar sein können. Wir müssen nur bewusst einen Schritt zurück tun. So lässt sich die in mir vereinte Faszination der dunklen Seite in uns Menschen und die überschäumende Liebe zum Leben erklären. Doch die schwarzen Flecken existieren auch auf meiner Seele.

Irgendwann begann ich mich mit der Frage zu beschäftigen, ob ich einen Mord begehen könnte. Ich habe vor ein paar Monaten im Radio von einem Mann in Amerika gehört, der den Vergewaltiger seiner Tochter erschlagen hat. Natürlich konnte ich seine Wut verstehen, aber ich konnte nur schwer rechtfertigen, dass er deshalb Jagd auf den Verbrecher gemacht und ihn umgebracht hat. In einer zweiten Radiomeldung wurde berichtet, dass er den Täter in flagranti erwischt hätte. Nun schien mir sein Handeln verständlicher. Die letzte Information machte mir schließlich klar, dass ich dasselbe getan hätte: Seine Tochter war erst fünf Jahre alt.

Die Antwort auf die Frage, ob ich einen Mord begehen könnte, lautet also ja. Ja, ich könnte jemanden töten, wenn ich dadurch meine Familie retten könnte. Vielleicht gäbe es sogar noch andere, niedrigere Gründe für mich, einen Mord zu begehen. Ich kann es nicht ausschließen, auch wenn ich der Meinung bin, dass ich nicht kaltblütig von langer Hand ein Verbrechen planen könnte. Das ließen meine Moralvorstellungen und mein Gewissen nicht zu. Allerdings lautet mein Motto: sag niemals nie. Ich hoffe, ich komme niemals in die Verlegenheit, meine Fähigkeiten auf diesem Gebiet austesten zu wollen.

Und jetzt gebe ich die Frage an Sie weiter. Könnten Sie einen Mord begehen? Und wenn ja, was wäre der Grund dafür?

 
Sind Sie fasziniert von spannenden Geschichten? Lesen Sie gerne Krimis? Dann empfehle ich Ihnen das print-Book um EUR 9,95, das E-Book um EUR 2,99 auf amazon oder das Hörbuch um EUR 14,95 auf audible von „Mystic Wings – Ein mörderisches Geschenk“.

Social Bookmarks

Kommentare (0)

Bitte Kommentar schreiben

Sie kommentieren als Gast.

Abbrechen Sende Kommentar...
Willkommen