Kurzgeschichte Nacht des Grauens
Aktualisiert (Freitag, den 16. April 2010 um 08:51 Uhr) Geschrieben von: Betty Kay Donnerstag, den 11. März 2010 um 13:52 Uhr
Der Vollmond wurde kurz von einigen Wolkenfetzen verdeckt. Ohne das reflektierte Sonnenlicht war der Weg in der von Bäumen und Sträuchern gesäumten Senke nicht mehr zu erkennen. Sofort drohte ich über eine Baumwurzel zu stolpern, doch ich konnte mich mit den Händen abstützen und so im letzten Moment verhindern, dass ich mit dem Kopf am Boden aufschlug. Keuchend blieb ich ein paar Sekunden in der gebückten Haltung stehen, bis ich mich wieder gefasst hatte.
Das Herz klopfte so heftig gegen meine Brust, dass ich das Gefühl hatte, als wolle es sich einen Weg durch meinen Brustkorb hämmern. Meine Handinnenflächen waren schweißnass, eine ärgerliche Angewohnheit, die mich immer in Stresssituationen plagte. Und Stress hatte ich im Moment mehr als genug.
Von irgendwo her hörte ich Geräusche aus dem Wald zu mir dringen. Ich konnte nicht genau sagen, ob sich die das Rascheln und Knacken verursachenden Personen vor oder hinter mir befanden. Wenn es sich überhaupt um Menschen handelte.
Ich erhob mich und blickte mich hektisch um. Welche Tiere waren wohl in diesem dichten Wald auf dem niederösterreichischen Heldenberg zu Hause? Natürlich Mäuse, Eichkätzchen, Hasen, Rebhühner und Rehe. Aber vielleicht auch Wildschweine? Diesen nachtaktiven Waldbewohnern ging ich wohl besser aus dem Weg.
Ein irres Lachen und Gekicher ließ mich zusammenzucken. Mit geweiteten Augen stürzte ich vorwärts. Die Wolken vor dem Mond hatten sich zum Glück bereits verzogen, sodass ich die Steine und Wurzeln vor mir nun wieder erkennen konnte. Beim Weiterlaufen blickte ich mich ständig um. Meine langen Haare störten meine Sicht, Strähnen hingen mir trotz des Stirnbands in die Augen. Doch trotz dieser Behinderung konnte ich erkennen, dass mir niemand folgte.
Vielleicht waren die Stimmen von dem Weg weiter vorne zu mir gedrungen. Ich reduzierte mein Tempo. Ich wollte nicht auf die Personen vor mir stoßen, aber ich musste weiter. Ich musste mein Ziel erreichen.
Mit jedem unter meinen Fußsohlen knackenden Ast, mit jedem durch einen Windhauch raschelnden Blatt wurde ich nervöser, ängstlicher. Furchtbar, ärgerlich, unnötig.
Kaum war ich zehn Meter weit gekommen, als ich plötzlich ein Geräusch direkt vor mir hörte. Erschrocken fuhr ich zusammen. Im Schatten eines Strauches, der nicht von den auf den Bäumen befestigten Knicklichtern ausgeleuchtet wurde, nur zwei Meter von mir entfernt entdeckte ich einen dunklen Fleck mit einigen hellen Punkten. Lag dort jemand, etwas auf der Lauer? Eine Bedrohung?
Mein Herz klopfte bis zum Hals, ängstliche Erstarrung bemächtigte sich meines Körpers, aber ich zwang meine Beine ein paar Schritte vorwärts zu gehen. Ich kniff die Augen zusammen, um besser erkennen zu können, was sich dort neben mir befand.
Ich hielt die Luft an und machte einen letzten Schritt nach vorne. Dann blieb ich stehen und beugte den Kopf, bis ich sicher war, dass von dem Gegenstand keine Gefahr ausging.
Es war eine Spinne, eine ungefähr fünfzig Zentimeter große Plastikspinne. Das Ding war ein Scherzartikel, ein Halloweengag, um Kinder in Angst und Schrecken zu versetzen und keine erwachsenen Menschen. Aber in dieser Situation war meine Reaktion ja wohl nur zu verständlich.
Die Beleuchtung war wirklich nicht ausreichend. Die gelben, grünen und roten Knicklichter in den Bäumen gaben nur spärliches Licht. Die Abstände zwischen den Leuchten waren zu groß und die Lichter brannten schon zu lange, um noch genügend Licht für den holprigen Weg zu spenden.
Es war keine gute Idee gewesen, den Rest des Weges alleine zu gehen. Die anderen marschierten meist in Dreier- oder Vierergruppen. Ich war auch mit drei Freunden gestartet. Aber ich musste ja die Heldin spielen, weil ich mich über das alberne Benehmen der Männer geärgert hatte. Sie hatten die ganze erste Stunde, die sie unterwegs gewesen waren, versucht, mich zu erschrecken und aufzuziehen. Nachdem Hubert versuchte hatte mir einzureden, dass sich eine Spinne in meinen Haaren verfangen habe, und damit leider Erfolg gehabt hatte, sodass ich hysterisch auf meinem Kopf herumgeschlagen hatte, war meine Schmerzgrenze erreicht und ich hatte mich abgesetzt.
Als der Weg langsam nach oben führte, stetig anstieg, wurde mir allmählich wieder warm. Beim Aufbruch von Zuhause um neun Uhr hatte das Thermometer zwei Grad unter null angezeigt. Ich hatte geahnt, dass es noch kälter werden würde, dass ich mich lange im Freien aufhalten würde, und war deshalb in mehrere Schichten Kleidung übereinander geschlüpft. Unter meiner dicken, gefütterten Jacke trug ich einen Pullover, darunter ein langärmeliges T-Shirt, ein kurzärmeliges und ein Unterhemd. Außer einer warmen Strumpfhose und dicken Socken brachten lange Leggins meine Jeans zum Spannen. Trotzdem schlugen meine Zähne klappernd aufeinander. Ob allerdings nur die Kälte daran schuld war, konnte ich nicht eindeutig beantworten.
Als ich den Scheitelpunkt des Hügels erreicht hatte, breiteten sich plötzlich Weingärten vor mir aus so weit das Auge reichte. Die frische Luft roch nach Holz, nach Erde, weil der Weg am Rand des Waldes an den Weingärten vorbei führte.
Eigentlich liebte ich diese wunderschöne, geheimnisvolle Landschaft. Doch im Moment wollten sich diese Gefühle beim Betrachten der nackten Weinstöcke nicht einstellen. Dazu wirkten sie viel zu unheimlich, bedrohlich. Ich fühlte mich beobachtet, als wären die Rebstöcke düstere Gestalten, die ihre Arme drohend in die Luft streckten. Schreckliche Monster, im Augenblick erstarrt aber bereit zum Sprung auf unschuldige Opfer.
Die Dunkelheit ist der beste Freund der Angst, überlegte ich mit besorgt gerunzelter Stirn. Dann glaubte man Dinge zu sehen, deren Existenz man normalerweise weit von sich wies. Die Augen spielten einem Streiche.
Neuerlich folgte ich dem Weg zwischen den Bäumen hindurch. Ich bemerkte, dass zwei Knickleuchten nacheinander nicht mehr funktionierten. Dadurch entstand eine ziemlich dunkle Passage. Eine ziemlich unheimliche dunkle Passage.
Ich wurde langsamer, setzte meine Schritte bedächtig. Eine Vorahnung ließ mein Blut neuerlich in den Ohren rauschen, sodass ich keine anderen Geräusche wahrnahm. Ansonsten wäre ich vermutlich gewarnt gewesen.
Aus einer Richtung, aus der ich nicht damit gerechnet hatte, sprang plötzlich eine formlose Erscheinung zwischen den Bäumen hervor. Ein schwarzer weiter Umhang flatterte hinter der Gestalt her und verbarg gleichzeitig die Person, so sie denn eine war.
Überrumpelt drückte ich die Rechte auf mein pochendes Herz und presste die linke Hand auf meinen Mund, um den spitzen Schrei, der sich schon halb über meine Lippen nach draußen geflüchtet hatte, zurückzuhalten.
Als die schwarz gekleidete Figur die Arme mit den Fledermausflügeln ausstreckte, um sich mit wüstem Fauchen und Gebrüll und mit zu einer Fratze verzerrtem, in dunklen Farben geschminktem Gesicht vor ihr aufzubauen, bemerkte ich, dass die Schreckgestalt ein Mann war. Ein mir bekannter Mann sogar.
Als er meine schockierte Miene bemerkte, begann er loszuprusten, machte sich über mich lustig. Gedemütigt stolperte ich mit einem letzten Blick auf die verkleidete Gestalt weiter.
Sein höhnisches Lachen verfolgte mich noch lange, während ich schon halb den Hügel hinuntergelaufen war. Trotz meines keuchenden Atems meinte ich das Lachen zu hören. Es hallte in meinem Kopf, spöttisch, hämisch, und ließ mich kindisch und ängstlich fühlen. Wie ein schreiendes, weinendes Kleinkind.
Wieder war ich gerade einmal hundert Meter weit gekommen, als ich im Schein von ungefähr zehn Kerzen einen Gegenstand erkannte. Das musste der letzte Hinweis sein, der mir noch zur Lösung des Rätsels fehlte. Ich beeilte mich, um rasch zu der Stelle zu gelangen. Nach dieser Station konnte eigentlich das Ziel nicht mehr weit sein. Dann hatte ich diesen Albtraum hinter mir.
In einem mit schwarzem Samt ausgelegten Holzkästchen befand sich ein Kärtchen, auf dem in krakeliger Schrift eine Frage stand. „Wie viele Knochen sind in dem beiliegenden Karton zu finden?“
Die erwähnte Pappschachtel lag genau unter der Karte, war nicht zu übersehen. Ich öffnete sie und schob mit spitzen Fingern ein paar der darin befindlichen Knochen hin und her. Waren das echte Tierknochen oder bestanden sie aus Plastik? Ich hoffte auf zweiteres.
Schließlich trug ich die Zahl neun auf dem Zettel ein, auf dem bereits andere Zahlen und Wörter notiert waren. Es war die letzte Antwort. Meine Liste war fertig. Nun musste ich es nur mehr bis zum Treffpunkt schaffen.
Ich ging rasch weiter. Wenn ich Glück hatte, saß ich in ein paar Minuten wieder im Warmen. Der Gedanke beflügelte mich und spornte mich zu einem schnellen Tempo an. Da der Weg bergab führte, flog ich förmlich dahin. Dann kam ich in die Glaubendorfer Kellergasse und wurde langsamer.
Ich fühlte mich fast schon sicher. Fast. Und das war vielleicht ein Fehler. Denn ich spürte, wie mein Fuß an etwas hängen blieb. Während ich noch am Boden nach der Ursache suchte, hörte ich ein seltsames Geräusch. Ich hob irritiert den Kopf. Und schrie leise auf.
Schwarzer Schatten. Surren begleitet von leichtem Windzug. Direkt vor meinem Gesicht pendelte etwas, ein Gegenstand hin und her. Eine alte Puppe umwickelt mit einem Fetzen, bemerkte ich bei näherer Betrachtung.
Mein Herz raste immer noch. Meine Nerven wollten in dieses Spiel nicht mit einbezogen werden, aber sie hatten ja keine andere Wahl.
Ich begann wieder zu laufen, ängstlich, Tränen unterdrückend. Ich konnte nicht mehr, wollte nicht mehr. Dieser Schrecken musste ein Ende haben.
Plötzlich erkannte ich zwischen den Bäumen einen Schimmer, eine Beleuchtung, die nicht nur von einem Knicklicht stammen konnte. Mit zittrigen Knien und schwer atmend rannte ich auf das Licht zu. Ich hatte es geschafft. Endlich war ich am Ziel. Heil und unversehrt.
Als ich den letzten Keller passierte, öffnete sich plötzlich der Wald vor mir und ich gelangte auf eine Lichtung. Dort stand eine fremde, blonde Frau, die mir lächelnd entgegen sah. Ich war noch nie in meinem Leben so froh gewesen, einen anderen freundlichen Menschen zu sehen.
„Gratuliere, Sie haben die Rätselrallye zur dritten Heldenberger ‚Nacht des Grauens’ überstanden“, begrüßte mich die Fremde und nahm den Zettel aus meiner Hand entgegen.
„Ihr habt euch dieses Jahr mit den Gruseleffekten wirklich wieder angestrengt“, meinte ich mit einem Lachen in der Stimme, das vermutlich nicht besonders überzeugend klang.
„Sind Sie denn allein unterwegs?“ fragte sie ungläubig.
Ich nickte beschämt. „Meine Freunde waren mir zu ängstlich. Da wollte ich lieber ohne sie weiter.“ Behauptete ich zumindest.
Die blonde Frau bedachte mich mit einem seltsamen Blick, mit einer Frage in den Augen. Doch dann überprüfte sie die Antworten, die ich auf dem Formular eingetragen hatte. „Das Lösungswort ist richtig. Dafür bekommen Sie einen Gutschein, den Sie für eine Portion Bratwurst im Feuerwehrhaus dort drüben einlösen können.“ Sie deutete auf ein Gebäude fünfzig Meter hinter ihr.
Ich bedankte mich und machte mich dann auf dem Weg zum Feuerwehrhaus. Ich war froh, heil in Glaubendorf angekommen zu sein. Die Wanderung hatte eigentlich Spaß gemacht, auch wenn mein Adrenalinspiel zwischenzeitig ins Unerträgliche gestiegen war. Aber mir war jetzt schon klar, dass ich bei der vierten „Nacht des Grauens“ wieder mit dabei wäre. Nächstes Jahr würde ich allerdings bei meinen Freunden bleiben, auch wenn das hieß, dass ich mir ihre Späße gefallen lassen musste. Das Grauen war allein einfach zu groß.
Juli/August 2009
Nähere Informationen zur "Nacht des Grauens" gibt es unter: http://www.heldenberg.info/.


